31.12.2016: Ist Fashion fair?

Wie viele von uns möchte auch ich unsere Welt gern ein kleines bisschen besser machen.

Seit etwa 4 Jahren beschäftige ich mich zunehmend mit Themen wie Umweltverschmutzung, Massentierhaltung und unfairen Arbeitsbedingungen - besonders in der Bekleidungsindustrie. Das hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass ich mich überwiegend vegan bzw. vegetarisch ernähre. Ich esse selten und wenn, dann nur regionales Fleisch, von dem ich weiß, wie die Tiere aufgewachsen sind. Aber auch das wird immer weniger. Bei Kosmetik achte ich auf Produkte ohne Mikroplastik und ohne Tierversuche. Aber ich will nicht abschweifen, das wäre nochmal ein neues Thema.

Im April 2013 stürzte eine der zahlreichen Textilfabriken in Bangladesch ein. Über 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen kamen bei dieser verheerenden Katastrophe ums Leben. Viele Überlebende wurden schwer verletzt. Bereits zuvor kam es in Pakistan und Bangladesch zu schlimmen Katastrophen, weil die maroden Hallen, die Blechdächer und die baufälligen Gebäude zusammenbrachen.

In China, Vietnam und Bangladesch wird auch der Großteil des Leders, das wir Europäer verbrauchen, produziert - von barfuß in der Gerbbrühe stehenden Arbeitern. Die Weiterverarbeitung folgt dann möglichst billig direkt in Asien, in der Türkei oder in osteuropäischen Ländern, damit wir europäischen Verbraucher jede Saison die aktuellen Taschen und Schuhe kaufen können und die Mode-Unternehmen möglichst viel Gewinn erwirtschaften.

Diese Situationen brachten mich dazu, genauer hinzuschauen und war - natürlich neben dem Spaß am Nähen und der Freude an Kreativität - mit einer der Gründe, dass ich vor etwas mehr als 2 Jahren begann meine Kleidung überwiegend selbst zu nähen.

Viele Fragen gehen mir seit Jahren durch den Kopf und ich würde gern eure Meinung dazu erfahren:

Warum interessieren sich eigentlich so wenige Verbraucher für die Herkunft ihrer Kleidungsstücke?

Warum verschließen wir oft die Augen, wenn es um die Lebensbedingungen und Menschenrechte in ärmeren Ländern geht?

Haben wir in Anbetracht der Lebensumstände in den Billiglohnländern tatsächlich einen Grund, über unsere Lebensqualität in Deutschland und Mitteleuropa zu jammern, wie es einige Menschen regelmäßig tun?

Brauchen wir jede Saison die neuesten Modetrends, um uns schnell wieder von denen des Vorjahres zu trennen?

Warum kann eine Frau, z.B. in Bangladesch trotz durchschnittlich 14 Stunden Akkordarbeit an jedem einzelnen Tag ohne die für uns selbstverständlichen 30 Tage Jahresurlaub und ohne regelmäßige Wochenenden nicht ihre Kinder durchbringen, sondern muss diese auch noch mitarbeiten lassen, um gerade mal das Existenzminimum zu erreichen?

Hilft es denn den Textilarbeiterinnen in Asien überhaupt, wenn jeder selbst seine Kleidung näht? Gibt es dann dort nicht noch schlechtere Bedingungen (z.B. wie noch höhere Arbeitslosigkeit) für die Menschen, ihre Familien durchzubringen?

Ich bin für mich zu dem Entschluss gekommen, mir meine Kleidung überwiegend selbst zu nähen. Bei Kleidungsstücken, die ich (noch) nicht selbst nähen kann - wie z.B. Jeans und wetterfeste Jacken - achte ich, genau wie bei Schuhen auf die Herkunft und kaufe fair produzierte Mode. Dabei vertraue ich auf die Zertifikate der Anbieter und hoffe, dass sie auch halten was sie versprechen. Ich überlege sorgsam, welche Kleidung ich tatsächlich brauche und entscheide mich dann für fair produzierte Kleidung und dafür lieber ein Teil weniger. Mir persönlich sind saisonale Trends sowieso nicht so wichtig. Ich möchte mich in meiner Kleidung wohlfühlen.

Ich weiß, Naturmode ist nicht für jeden erschwinglich. Andererseits sind Markenprodukte genauso teuer oder teilweise noch teurer. Der Preis eines Kleidungsstückes gibt aber leider keinen Hinweis darauf, unter welchen Bedingungen ein Kleidungsstück oder ein Accessoire gefertigt wurde. Markenhersteller lassen genauso wie die Discounter möglichst billig fertigen.

Zum Glück hat sich in den letzten Jahren schon einiges bewegt:

Seit 2013 haben sich über 200 Hersteller (Stand 07/2016) dem Abkommen Accord angeschlossen, um die Brandschutz- und Sicherheitsbestimmungen in den Textilfabriken zu verbessern. Seitdem wurden 1600 Betriebe in Bangladesch überprüft. Zum größten Teil laufen die Prozesse noch (80%). In 15 Fabriken wurden die Verfahren zur Verbesserung bereits abgeschlossen. (Quelle: http://bangladeshaccord.org/) Übrigens gibt es allein in Bangladesch mehr als 5000 Textilfabriken. Es ist also noch Luft nach oben! Es gibt solche Abkommen auch für die Textilindustrie in anderen asiatischen Ländern.

Es gibt viele Organisationen, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Textilindustrie einsetzen.

Es gibt Ideen, Kleidung aus nachwachsenden Rohstoffen (z.B. Lederersatz aus Ananas, Textilien aus Algen und Hanf) herzustellen.

Aber was kann nun jeder einzelne Verbraucher konkret tun, um die Textilwelt zu verbessern? Ich habe eine Liste meiner Top 5 aufgestellt. Ich würde mich freuen, die Liste mit euch gemeinsam auf mindestens Top 10 zu erweitern.

  1. Noch mehr Menschen sollten sich mit dem Thema "Fair Fashion" beschäftigen.
  2. Weniger Kleidung kaufen und dafür auf Fairness achten.
  3. Kleidung selbst nähen.
  4. Kleidung "renovieren". Ich habe zum Beispiel eine 10 Jahre alte schwarze Jeans, die noch in Ordnung ist und passt, aber mit der Zeit immer wieder ausbleicht. Ich habe sie schon 2 x schwarz nach gefärbt. Genauso auch einen schwarzen Baumwollcardigan.
  5. Sich von der "Billig-Kaufen- und Wegwerfen-Mentalität" verabschieden. Man kann Kleidungsstücken, die nicht mehr modern sind oder nicht mehr passen noch ein zweites Leben als Tasche oder als Accessoire geben. Tolle Beispiele für Upcycling gibt's im Netz genug.
  6. Nora: "... Was mich bei den Thema Kleidung selber nähen beschäftigt ist die Herkunft der Stoffe. Leider wird es zu selten angegeben wo der Stoff produziert wurde oder die Baumwolle, woraus der Stoff entsteht. Mittlerweile nähe ich auch alle Oberteile, inkl.für die Arbeit"
  7. Julia: "... Schwierig finde ich oft auch die Werbung. Ich kann mich oft kaum der, inzwischen sehr auf Nachhaltigkeit ausgerichteten, Werbung einer schwedischen Bekleidungskette entziehen. Da haben sich sicherlich Dinge geändert, aber ich unterstelle schon, dass da viel auch Marketing ist. Und da kann die Fair Trade Schiene noch ausbauen finde ich. Größe Summen für Werbung raushauen ist auch wieder schlecht. Aber viele Labels sind auch einfach nicht so bekannt. Und klassisch nachhaltig ist eben oft verrufen als "Öko" und wenig modern. Da sehe ich noch Potential... soweit meine spontanen Gedanken... "

Ich weiß, man kann dieses schwierige Thema nicht in ein paar Zeilen abhandeln. Lasst uns aber hinschauen und nicht die Augen vor der täglichen Realität der asiatischen Textilarbeiterinnen verschließen, wir Konsumenten haben es in der Hand!

Interessante Artikel zum Weiterlesen findet ihr zum Beispiel unter folgenden Links:

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-09/modeindustrie-fair-trade-bangladesch/komplettansicht

http://www.br.de/puls/themen/leben/faire-mode-100.html

https://schrotundkorn.de/lebenumwelt/lesen/oeko-mode-stoff.html

http://www.wiwo.de/technologie/green/giftiges-leder-der-tod-an-den-fuessen/13551714.html

http://www.femnet-ev.de/.php/de/faq/zu-arbeitsbedingungen

https://www.fairtrade-deutschland.de/service/presse/details/mehr-faire-textilien-1502.html